Am 30.05.2026 drehten ca. 2.000 Menschen koordiniert am Rad. Das Aktionswerk Campact hatte zum Protest gegen Ministerin Reiches Gaspolitik in Hamm aufgerufen, weil u.a. dort zukünftig ein neues Gaskraftwerk entstehen soll.
Ungefähr 5.000 Menschen kamen zur Demonstration und auch wieder unglaublich viel Polizei, die bei diesen frühsommerlichen Temperaturen sicherlich einiges zu schwitzen hatte.

Der Clou der Aktion war aber, ein von Menschen gebildetes Windrad in Aktion umzusetzen. Dazu bekamen die Demomenschen, die wie immer mit ausgefeilten Plakaten ausgestattet waren

einen Zettel mit der Rolle, die sie übernehmen sollten: Sei Teil eines Rotorblattes oder des Turms eines Windkraftrads. Wie das funktionieren sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch unklar, aber schauen wir mal, dachte ich.
Das Prinzip war dann hochfunktional, weil simpel und trotzdem durchdacht. Lokale Platzweiser brachten uns am Ende der Demo in Position. Zuvor hatte man sich einen Partner gesucht, mit dem man eine Mini-Polonaise bildete. Diese Mini-Polonaiseeinheiten sollten tangential zur Drehrichtung des virtuellen Rades stehen, während jede Polonaise vertikal links und rechts mit einer weiteren Polonaisegruppe verkettet ist.

Bis sich das alles aufgebaut hatte, verging etwas Zeit, aber es ging viel schneller als erwartet, denn es gab noch eine Masterleiterin mit großem Mikrofon, die von einer Tribüne Anweisungen gab.
Und dann ging ein Ruck durch die Reihen und das virtuelle Rad fing an, sich zu drehen (Video vom Instagram-Account von Campact):
Es ist erstaunlich, wie schnell die Synchronisation funktioniert. Man selbst ist verkettet mit seinem Polonaisepartner und seinen Nachbarnpolonaisen, während man sieht, wie das Nachbarrotorblatt sich ebenfalls bewegt. So bleibt alles im Takt.
Während ich mir als Ingenieur noch Gedanken machte, wie wir durch das Fundament des Turms des Windkraftrads kämen, vielleicht durch einen makroskopischen Tunneleffekt, stellte ich beruhigt bei Annäherung an den Turm fest, dass jemand nachgedacht hatte und die Turmmenschen Lücken bereitstellten, durch die wir bequem hindurchwanderten.
Nach vier Runden konnten wir auch die alte physikalische Weisheit Arbeit = Kraft * Weg bestätigen und ich bin froh, dass diese Arbeit zur Energieerzeugung in professionelle Hände aus Beton, Stahl, glasfaserverstärktem Kunststoff, Kupfer und Neodym gelegt wird.
Rotation ist ein Urprinzip. Die Erde braucht bekanntlich ein Jahr, um die Sonne zu umkreisen. Unser Sonnensystem ist mithilfe von Rotationsenergie entstanden. Es braucht 750 Millionen Jahre (ein galaktisches Jahr), um das Zentrum der Milchstraße (Sagitarius A) zu umkreisen. Warum also nicht unsere Energieversorgung auf diesem Prinzip weiter aufbauen?
Heutige Windkrafträder sind keine, wie Präsident Trump gerne sagt: Windmühlen, sondern Hochtechnologie-Kraftwerke, die mit Präzision und Intelligenz Wind in sauberen Strom umwandeln – ein Meisterwerk aus Aerodynamik, Materialwissenschaft und Leistungselektronik.
Die Rotorblätter, geformt wie Flugzeugflügel aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, nutzen den Auftrieb des Windes, um den Rotor in Bewegung zu setzen, während sie sich automatisch dem Wind anpassen, um Überlastung zu vermeiden. Die Nabe verbindet die Blätter mit der Welle, die die Rotation an den Generator weiterleitet – ein hochmoderner Synchronmotor oder eine doppelt gespeiste Asynchronmaschine, die selbst bei variablen Windgeschwindigkeiten stabilen Wechselstrom erzeugt.
In der Gondel, dem „Gehirn“ der Anlage, arbeiten Leistungselektronik, Sensoren und Steuerungssysteme zusammen, um die Energieeffizienz zu maximieren und die Anlage in Echtzeit an Wetterbedingungen anzupassen. Leistungselektronik wie Umrichter und Wechselrichter wandeln den erzeugten Strom in netzkompatiblen Wechselstrom um und stabilisieren sogar das Stromnetz durch Blindleistung oder Frequenzregelung.
Der Turm, oft über 100 Meter hoch, trägt nicht nur das Gewicht der Gondel, sondern ermöglicht auch die Nutzung stärkerer und gleichmäßigerer Winde in großer Höhe.
Sensoren überwachen ständig Windgeschwindigkeit, Vibrationen oder Eisansatz und steuern die Anlage vollautomatisch – von der Ausrichtung der Gondel (Yaw-System) bis zur Blattverstellung (Pitch-System).
Moderne Anlagen erreichen so einen Wirkungsgrad von 40–50%, was sie zu einer der effizientesten Technologien der Energiewende macht. Ohne Getriebe arbeiten getriebelose Systeme mit langsamlaufenden Generatoren, die direkt mit der Welle verbunden sind und Wartungskosten reduzieren.
Die Netzanbindung erfolgt über Transformatoren, die den Strom auf hohe Spannungen bringen, um ihn verlustarm über weite Strecken zu transportieren. Intelligente Steuerungen nutzen Wetterdaten für präzise Einspeiseprognosen und passen die Leistung dynamisch an die Netzanforderungen an.
Selbst Umweltaspekte wie Lärmreduzierung oder Vogelschutz werden durch spezielle Blattformen oder Radarsysteme berücksichtigt. Eine einzige 4-MW-Anlage versorgt etwa 3.000 Haushalte mit Strom und spart dabei 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein.
Im Vergleich zu einer historischen Windmühle, die mechanische Arbeit verrichtet, ist eine moderne Windkraftanlage ein digital gesteuertes Kraftwerk, das nicht nur Energie liefert, sondern auch das Stromnetz aktiv stabilisiert. Sie vereint Aerodynamik, Materialinnovation, Elektronik und KI-gestützte Steuerung – eine Symbiose aus Physik und Ingenieurskunst, die mit der Komplexität von Flugzeugen oder Raumfahrttechnik mithalten kann.
Kurz: Windkraftanlagen sind keine Mühlen, sondern die Formel 1 der erneuerbaren Energien.