Juli 2022

Wie “immer” in diesen Zeiten weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. So viele “Threads” sind unterwegs, wie wir Programmierer sagen. Vor Jahren sagte mein Cousin zu mir: “Wir leben in der Zeit des rasenden Stillstandes” und mir fällt auch heute kein treffenderer Ausdruck ein. Dabei sollten wir uns hüten zu denken, dass die jetzige Zeit so einzigartig sei. Es gibt da so ein schönes Buch: “1913, der Sommer des Jahrhunderts” in dem viele Menschen Neurasthenien erlitten. Heute würde man dazu “Burn out” sagen. Was war damals los? Einiges z.B. wurde mit Crystal Meth experimentiert aber hauptsächlich stresste die Menschen die zweite industrielle Revolution, die u.a. ein mobile Revolution ungeahnten Ausmaßes einläutete. Nicht nur verband die Eisenbahn Städte miteinander sondern Straßen- und U-Bahnen sowie Automobile führten nun auch innerhalb der Ortschaften zu einer unglaublichen “Mobilisierung” der Menschen. Und die Flugzeuge standen schon in den Startlöchern. Es ist daher wohl kein Wunder, dass Albert Einstein seine Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie zwischen 1905 bis 1915 entwickelte. Als eidgenössischer technischer Spezialist “dritter” Klasse war er Zuständig für die Untersuchung mechanischer Anwendungen und dazu gehörten hauptsächlich Uhren. Denn ganz klar, in einer Zeit, in der sich alles bewegt ist die Frage nach Raum und Zeit der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Dass seine Relativitätstheorie die tradierten Raum-Zeit Vorstellungen gründlich veränderten, dass daraus E=mc2 abgeleitet wurde, was wiederum ein wesentlicher Eckpfeiler für die Atombombe wurde, das konnte aber im Sommer 1913 noch keiner ahnen.

Der Begriff “rasender Stillstand” trifft aber auch in der Hinsicht zu, dass zu der mobilen Revolution im 20. Jahrhundert sich leider nicht nur der ÖVNP entwickelte (und dann wieder, in Deutschland zumindest, zurück entwickelte) sondern auch Panzer entwickelt wurden, die ganz wesentlich zum Sieg der westlichen Alleierten im ersten Weltkrieg führten (die USA führten sie ein). Und jetzt sehen wir 1.500 km östlich von uns, noch in reduzierter Form, letztlich den zweiten Weltkrieg in “bunt”.

Die Auswirkungen des Ukraine Kriegs sind unabsehbar. Die Warnung des Veltins Chef im Handelsblatt, dass bei einem “No Gas” Szenario keine Bierflaschen mehr produziert werden können und das auch noch im Hochsommer, mag noch als Treppenwitz der Geschichte durchgehen, die mögliche Rezession mit einem Wirtschaftseinbruch von 12,7% spricht eine noch deutlichere Dramatik an (siehe Spiegel Artikel: Die Not frisst sich nach oben (aktuelle Ausgabe)). Zum Vergleich im Zeitraum der Bankenkrise 2008-2009 brach das BIP in Deutschland um 5% ein. Aus solchen Entwicklungen, da muss man nicht sehr visionär sein, daraus können Weltkriege entstehen aber es muss nicht so sein.

Hinzu kommt allerdings, dass wir auch eine sich stark veränderte ökologische Grundstruktur vorfinden. Das war zwar schon im letzten Jahrhundert so, nur waren die Auswirkungen noch nicht so spürbar. Südeuropa ist derzeit ein Glutofen. Der Po ist derzeit nicht existent und der Garder See wird ihn nicht retten ( https://youtu.be/TpyTF9hj_IM ). Für Deutschland wird ab Mitte Juli ein 40 Grad Szenario prognostiziert.

Sind wir also im A…? Ich kann das nur mit einem klaren “Jein” beantworten. Im Bereich der regenerativen Energien tut sich sehr viel, siehe z.B. hier: https://youtu.be/_zU7-mRrwYA . In diesem Sommer werden aber auch dramatische wissenschaftliche Erfolge realisiert. Da ist z.B. die Inbetriebnahme des LSCS II in den USA in wenigen Tagen. Das ist eine riesige Anlage, die als Hauptbestandteil einen Ultra hochgepulsten Röntgen Laser steuert mit dem, vereinfacht gesagt, ein Stroboskop aufgebaut wird, das so schnell und viele Aufnahmen pro Zeit macht, so dass man den Elektronen beim Quantensprung in Molekülen bei chemischen Reaktionen “zusehen” kann. Das eröffnet für viele Anwendungen in Medizin und Materialaufbau gigantisches Potential, die z.B. in wesentlich effektiveren Batterien münden können (https://youtu.be/P9fSDTsdi68).

Apropos Medizin auch hier laufen unglaubliche Prozesse ab, die wie immer zweischneidig sind, aber eben auch Chancen bieten. Die Gentechnik und die Analysen am Gnom haben das Verständnis des Alterungsprozesses unglaublich erhöht. Und letztlich sterben wir durch das Altern. Ab dem 10. Lebensjahr verdoppelt sich unsere Mortalitätsrate alle acht Jahre und deswegen gibt es so wenige 100 Jährige. Zu diesem Thema verweise ich auf ein Video eines britischen Wissenschaftlers zum Thema Ageing. Dabei erfährt man eben sehr genau, was alles ab 40-50 so schief läuft in unserem Körper, so dass ich mich schon wunderte, dass ich noch am Leben bin (https://youtu.be/fX9P1xuIJGg und https://youtu.be/QRt7LjqJ45k ).

Zum Schluss ein Sprung in den Makrokosmos. In wenigen Tagen werden die ersten wissenschaftlichen Bilder des James Webb Teleskops veröffentlicht. Die Daten sind Top Secret aber die wissenschaftliche Community hat schon verlauten lassen, dass sie zu Tränen gerührt ist von diesen Bildern. Mit dem James Webb Teleskop verfolgt man, sehr grob gesagt, zwei Ziele:

  • Wie entstanden ca. 100 Millionen Jahre nach dem Urknall die ersten Galaxien mit ihren Sonnen?
  • Analyse der Atmosphäre von Exo-Planeten in “unserer” Milchstraße.

Beide Schwerpunkte können ungeahnte Lösungen für Probleme unserer Zeit bieten. Ein Patentanwalt in der Schweiz hat es 1905-1915 vorgemacht.

Für jeden erscheint die Zukunft, glaube ich, öfter als einem lieb ist, wie eine undurchdringliche riesige Wand, durch die zunächst kein Durschreiten möglich erscheint. Diese Wand ist in der Tat riesig aber bei genaueren Hinsehen erkennt man Löcher und Risse, die ein Hindurchschreiten ermöglichen.

Physiker sprechen, “etwas” unromantisch, von einem Phasenübergang in einen neuen Aggregatzustand. Was das für Menschen bedeuten kann, erleben derzeit vor allen Dingen die Ukrainer aber auch russische Soldaten an der Front.

Trotz allem hoffe ich, dass die Menschen mit dem beginnenden 22. Jahrhundert ein “Aggregatzustand” gefunden haben werden, der aus unserer heutigen Sicht sicherlich nicht erstrebenswert erscheint aber aus deren Sicht so zufriedenstellen sein mag, so dass sie an unsere Zeit nur mit schaudern denken werden.

Allen Lesern wünsche ich für nächsten Tage und Wochen im doppelten Sinne einen kühlen Kopf.

One thought on “Juli 2022

  1. Sehr schön geschrieben, mein Lieber. Ein Freund und Lektor / Berater meinerseits würde sagen: „too colloquial“. Aber manchmal geht mir das akademisch verbrämte Geschwafel auch auf den Nerv. Der Terminus „Rasender Stillstand“ stammt von Paul Virilio, nicht von Deinem Cousin. Aber das tut kaum was zur Sache. Dein Cousin schätzt den großen Kollegen und Begründer der Dromologie nicht nur für diese Wortschöpfung.

    Einen guten Start in die Woche Dir und Deiner Familie.

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