Die K‑Fragen …

Das 21. Jahrhundert wird von drei K‑Krisen beherrscht. War das 20. Jahrhundert, insbesondere in seiner ersten Hälfte, von dem sehr alten K wie Krieg beherrscht, wie es die Welt der lebendigen Materie, der Spezies Homo sapiens, in Quantität und Qualität noch nie gesehen hatte, so gesellte sich am Ende des 20. Jahrhunderts ein weiteres Problem‑K hinzu: die Klimakrise.

Nicht, dass sie erst im letzten Jahrhundert entstanden ist. Nein, sie begann ca. 1770 in Großbritannien mit dem Start der ersten industriellen Revolution durch die Dampfmaschine, die in Deutschland erst ab 1830 zum Einsatz kam, als riesige Mengen Kohle für die Gewinnung von Eisen, später Stahl, und Bewegung verbrannt wurden. Aber erst in den 80ern des 20. Jahrhunderts wurde größeren Teilen der lebenden Materie der Spezies Mensch bewusst, dass sie da etwas angefeuert hatten und haben, was Ungemach für sie bzw. ihre Nachkommen bedeuten könnte bzw. bedeuten wird. Warum sieht man erst heute genauer die Folgen der industriellen Revolutionen durch Verbrennungsmaschinen? Nun, die Erde hat natürliche Puffer gegen die Erwärmung, vor allem Kohlenstoffsenken wie Ozeane, Wälder und Böden, die CO₂ binden, sowie physikalische Mechanismen wie den Albedo-Effekt von Eis und Wolken, die Sonnenlicht reflektieren.

Zusätzlich speichern die Ozeane über 90 % der überschüssigen Wärme und verlangsamen so die atmosphärische Erwärmung, während geologische Prozesse wie die Verwitterung von Gestein CO₂ langfristig aus der Atmosphäre entfernen.

Allerdings werden diese Puffer durch menschliche Emissionen und Eingriffe wie Abholzung oder Versauerung der Meere zunehmend überlastet und verlieren an Wirksamkeit.

Zur Wahrheit über das 20. Jahrhundert gehört aber auch, dass die Kriege eben nicht mit den Weltkriegen I und II endeten. Weltkrieg I führte zu ca. 17 Millionen Toten und Weltkrieg II zu ca. 70 Millionen Toten. Alle weiteren Kriege des 20. Jahrhunderts werden auf 23 bis 40 Millionen Tote geschätzt. Manche Quellen gehen sogar von 187 Millionen Toten durch Kriege im 20. Jahrhundert aus.

Es wäre aber nun verkürzt, dieser lebendigen Materie jeglichen Friedenswillen abzusprechen. Auch haben die Kriege ihrer Ausbreitung auf diesem Planeten nicht geschadet – so zynisch das auch klingen mag. Als ich 1966 geboren wurde, gab es ca. 3,4 Milliarden Homo sapiens; im Jahr 2000 waren es bereits rund 6,1 Milliarden. Die Spezies wuchs also weiter, während sie zugleich immer wieder Teile ihrer selbst vernichtete. Das ist vielleicht eine der merkwürdigsten Eigenschaften dieser lebendigen Materie: Sie zerstört, und sie baut wieder auf; sie vernichtet Wissen, Menschen, Städte und Landschaften – und beginnt danach doch erneut mit Handel, Diplomatie, Technik, Erinnerung und Organisation.

Schon der Dreißigjährige Krieg hatte gezeigt, wie tief Homo sapiens eine Region in den Abgrund reißen kann. In Teilen Deutschlands bedeutete er nicht nur militärische Niederlage oder politische Neuordnung, sondern Hunger, Seuchen, entvölkerte Dörfer, zerstörte Ernten, verwüstete Handelswege und einen Zusammenbruch alltäglicher Sicherheit. Deutschland stand damals, gemessen an seinen sozialen, wirtschaftlichen und demografischen Wunden, vielleicht näher am Abgrund als 1945. Und doch folgte auf diesen Abgrund der Westfälische Frieden: nicht als moralische Läuterung der Spezies, sondern als mühsam ausgehandelte Einsicht, dass dauernde Vernichtung selbst für die Sieger zu teuer wird.

Damit beginnt ein Motiv, das sich in der Geschichte immer wieder zeigt: Frieden entsteht selten aus reiner Güte, sondern oft aus Erschöpfung, aus Interessenausgleich, aus der Einsicht in gegenseitige Abhängigkeit. Diplomatie ist dann nicht das Gegenteil menschlicher Schwäche, sondern eine Technik, mit ihr umzugehen. Handel wiederum zwingt die getrennten Gruppen dieser Spezies, einander nicht nur als Feinde, sondern auch als Lieferanten, Käufer, Schuldner, Gläubiger, Partner und Konkurrenten wahrzunehmen. Und Wissen – wissenschaftliches, technisches, administratives Wissen – schafft die Möglichkeit, Verwüstung nicht nur zu beklagen, sondern Straßen, Häfen, Schulen, Fabriken, Verwaltungen und später ganze Staaten neu zu organisieren.

Nach 1945 zeigte sich dieses Muster in beschleunigter Form erneut. Aus Trümmern, Schuld, Hunger, Vertreibung und moralischem Zusammenbruch entstand in wenigen Jahrzehnten wieder ein rasanter Aufstieg: wirtschaftlich, technisch, wissenschaftlich, institutionell. Das hebt die Verbrechen nicht auf und macht den Krieg nicht zu einem Motor des Guten. Es zeigt nur, wie widersprüchlich diese Spezies ist. Sie kann innerhalb weniger Jahre unvorstellbare Zerstörung hervorbringen und danach mit derselben Energie Produktionsketten, Demokratien, Forschungslandschaften und Wohlstandssysteme errichten. Genau in dieser Spannung liegt die Tragik des 21. Jahrhunderts: Die Fähigkeiten zum Wiederaufbau sind enorm, aber sie werden nun mit Krisen konfrontiert, die nicht mehr nur Städte, Staaten oder Generationen betreffen, sondern die planetaren Grundlagen selbst.

Und just in diesem Moment, geboren aus den Ruinen des Zweiten Weltkrieges, gesellt sich ein drittes K zu Krieg und Klimakrise: die künstliche Intelligenz (KI). Es sollte nicht wundern, dass die lebendige Materie, von der ich immerzu spreche, sich nicht einig ist, ob es sich bei diesen KI-Gebilden wirklich um Intelligenz handelt. Schlimmer noch: Diese Spezies konnte sich bis heute nicht darüber einigen, was denn eigentlich Intelligenz sei. Mehrheitlicher Konsens unter ihr ist aber, dass sie diese besitze.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Witz der Geschichte: Eine Spezies, die nicht genau weiß, was ihre eigene Intelligenz ausmacht, beginnt, Maschinen zu bauen, denen sie diesen Begriff jetzt ebenfalls zuschreibt oder abspricht. Sie baut Rechenwerke, Netze, Modelle, und Apparate, die Sprache erzeugen, Bilder erkennen, Muster finden, Diagnosen vorbereiten, Kriege planen helfen, Börsen bewegen, Texte schreiben, Gesichter sortieren, Wünsche vorhersagen und Entscheidungen beeinflussen können. Und wieder steht Homo sapiens vor seiner eigenen Erfindung wie vor einem Spiegel, in dem er sich zugleich bewundert und fürchtet.

Denn künstliche Intelligenz fällt nicht vom Himmel. Sie ist keine fremde Macht, kein außerirdischer Geist, keine neue Naturgewalt im klassischen Sinn. Sie ist verdichtetes Wissen, verdichtete Arbeit, verdichtete Rechenleistung, verdichtetes Kapital – und damit wieder ein Produkt jener lebendigen Materie, die Kohle aus der Erde holte, Städte verbrannte, Staaten gründete, Krankenhäuser baute, Atombomben entwickelte und Friedensverträge unterschrieb. Auch KI ist also nicht einfach gut oder böse. Sie ist ein Verstärker. Und Verstärker sind in den Händen einer widersprüchlichen Spezies immer gefährlich.

Sie kann helfen, Krankheiten früher zu erkennen, Energieflüsse besser zu steuern, Material zu sparen, Forschung zu beschleunigen, Sprachen zu übersetzen, Verwaltung zu vereinfachen und vielleicht sogar Teile jener Klimakrise zu verstehen, die dieselbe Spezies zuvor angeheizt hat. Aber sie kann ebenso Überwachung perfektionieren, Propaganda individualisieren, Arbeit entwerten, Macht konzentrieren, Waffen autonomer machen und Wirklichkeit durch künstlich erzeugte Bilder, Stimmen und Texte vernebeln. Auch hier zeigt sich das alte Muster: Der Mensch erschafft ein Werkzeug, dann verändert das Werkzeug den Menschen.

Damit unterscheidet sich das dritte K von den beiden anderen. Krieg ist die alte, direkte Gewalt der lebendigen Materie gegen sich selbst. Klimakrise ist die indirekte Gewalt ihrer Produktionsweise gegen die planetaren Bedingungen ihres Lebens. Künstliche Intelligenz aber ist eine Gewalt der Beschleunigung: Sie beschleunigt Erkenntnis und Irrtum, Heilung und Zerstörung, Ordnung und Manipulation. Sie macht nicht automatisch klüger, was ohnehin schon unentschieden, gierig, ängstlich oder machtbewusst ist. Sie macht es nur schneller, größer, schwerer kontrollierbar.

So steht Homo sapiens am Beginn des 21. Jahrhunderts vor einer eigentümlichen Konstellation: Er besitzt genug Wissen, um seine Lage zu erkennen, genug Technik, um sie zu verändern, und genug Macht, um sich dabei selbst zu gefährden. Die drei Ks sind deshalb keine voneinander getrennten Kapitel. Krieg verschärft die Klimakrise, weil er Ressourcen vernichtet und Kooperation zerstört. Die Klimakrise erhöht Konfliktrisiken, weil sie Lebensräume, Wasser, Nahrung und Sicherheit unter Druck setzt. Und künstliche Intelligenz kann beide Krisen entweder entschärfen helfen – oder sie effizienter, schneller und undurchsichtiger machen.

Zeit durchzuatmen und zu hoffen, dass das Ganze doch irgendwie, fragt mich nicht wie, Sinn ergibt.

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