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Wir starren alle auf denselben Bildschirm. Wir sehen alle dasselbe Video aus Minneapolis: Ein Auto, Schnee, ein ICE-Beamter, Schüsse. Und doch sehen wir zwei völlig unterschiedliche Filme.
Für die eine Hälfte Amerikas ist das Video ein Snuff-Film, der Beweis für einen staatlich sanktionierten Mord an einer Mutter. Für die andere Hälfte ist es ein Lehrvideo über „Law & Order“, der Beweis für die notwendige Neutralisierung einer Bedrohung.
Wie ist das möglich? Wie können Millionen Menschen dieselben Photonen auf ihrer Netzhaut empfangen und im Gehirn zu zwei gegensätzlichen Realitäten verarbeiten?
Die Antwort liegt nicht nur in der Politik. Sie liegt in der Psychologie. Genauer gesagt: in der kognitiven Dissonanz.
Der Schmerz der Wahrheit
Die These ist simpel, aber erschreckend: Wir ertragen die Realität nicht mehr, wenn sie unser Identitätsgerüst bedroht.
Stellen Sie sich vor, Sie gehören zum „Roten Amerika“. Ihr Weltbild basiert auf Säulen wie: Die Polizei ist gut. Der Staat schützt uns vor dem Chaos. Wer nichts Falsches tut, hat nichts zu befürchten. Dann sehen Sie Renee Good. Eine unbewaffnete Frau, erschossen von „den Guten“. In diesem Moment schreit Ihr Gehirn auf. Es entsteht kognitive Dissonanz. Wenn dieser Schuss ungerechtfertigt war, dann ist Ihr Weltbild falsch. Dann sind die „Guten“ vielleicht böse. Das ist psychologischer Stress, der fast körperlich wehtut.
Um diesen Schmerz zu lindern, haben Sie nur zwei Möglichkeiten:
- Akkommodation: Sie ändern Ihr Weltbild („Vielleicht hat die Polizei ein Gewaltproblem“). Das ist schwer, schmerzhaft und isoliert Sie von Ihrer Gruppe.
- Assimilation: Sie biegen die Realität so hin, dass sie wieder in Ihr Weltbild passt.
Hier kommt Renee Good ins Spiel. Damit das Weltbild „Law & Order“ überlebt, muss Renee Good schuldig sein. Sie darf keine unschuldige Mutter sein. Also sucht das Gehirn verzweifelt nach einem Ausweg. Und hier liefern die Echokammern die Erlösung.
Die mediale Manifestation des Glaubens
Früher mussten wir diesen inneren Konflikt selbst lösen. Heute übernehmen das die Algorithmen für uns. Das ist der Moment, in dem die Spaltung vollzogen wird.
Wenn der konservative Familienvater in Kansas das Video sieht und den Schmerz der Dissonanz spürt, schaltet er Fox News ein oder öffnet X (ehemals Twitter). Dort wird ihm sofort das Schmerzmittel gereicht:
- „Sie hat das Auto als Waffe benutzt.“
- „Sie war eine linke Agitatorin.“
- „Schau dir ihre Vorstrafen an.“
Ah. Erleichterung. Das Weltbild wackelt nicht mehr. Sie war böse, ergo war der Schuss gerechtfertigt. Die kognitive Dissonanz ist aufgelöst, die Realität wurde erfolgreich umgedeutet.
Auf der „Blauen Seite“ passiert dasselbe, nur spiegelverkehrt. Das Weltbild hier: Das System ist rassistisch/faschistisch und will uns unterdrücken. Jedes Detail, das vielleicht Nuance in den Fall bringen könnte (z.B. wenn das Auto sich tatsächlich gefährlich bewegt hätte), würde Dissonanz erzeugen. Also filtern liberale Medien alles heraus, was nicht ins Bild der „perfekten Märtyrerin“ passt. Die Dichterin, die Mutter, die Unschuldige.
Wenn zwei Linien sich nie mehr treffen
Das Ergebnis dieser psychologischen Schutzmechanismen ist das, was wir heute in Minneapolis sehen: Der Tod der gemeinsam durchlebten Realität.
Wir streiten nicht mehr über Meinungen („Sollten wir hohe oder niedrige Steuern haben?“). Wir streiten über Fakten, die wir nicht mehr als solche erkennen können, weil unsere psychische Abwehr sie nicht durchlässt.
Der Fall Renee Good zeigt uns, dass der amerikanische Bürgerkrieg längst begonnen hat. Er findet nicht auf den Schlachtfeldern statt, sondern in den Synapsen. Die Informationszugänge – unsere Newsfeeds – sind keine Fenster zur Welt mehr. Sie sind Spiegelkabinette, die so konstruiert sind, dass wir uns nie wieder unwohl fühlen müssen.
Solange wir den Schmerz der kognitiven Dissonanz nicht aushalten und uns stattdessen in die komfortable Lüge unserer eigenen „Bubble“ flüchten, ist Renee Good nicht tot. Sie ist Schrödingers Katze: gleichzeitig eine Terroristin und eine Heilige, je nachdem, wer hinsieht.
Und ein Land, das sich nicht einmal mehr auf den Tod einer Mutter einigen kann, ist das noch eine Nation?
Das Wahlsystem erzwingt das Schwarz-Weiß-Denken
Doch es wäre zu einfach, die Schuld allein in unseren Köpfen zu suchen. Kognitive Dissonanz ist der Treibstoff, aber der Motor ist das politische System der USA selbst. Wir müssen nicht Freud bemühen, um zu verstehen, warum Amerika brennt – ein Blick in die Verfassung reicht.
Das amerikanische Mehrheitswahlrecht („Winner-Takes-All“) ist der Brandbeschleuniger dieser Krise. Anders als in parlamentarischen Systemen, die Koalitionen und Kompromisse erzwingen, kennt das US-System nur eine brutale binäre Logik: Alles oder Nichts. Der Gewinner bekommt 100 % der Macht, der Verlierer – selbst bei 49,9 % der Stimmen – bekommt nichts.
Keine Nuance, nur Revanche
Dieses System lässt keinen Raum für Grautöne. Es gibt keine dritte Partei, die vermitteln könnte. Es gibt nur „Wir“ gegen „Die“. Wer in diesem System Differenzierung sucht, verliert.
Das führt zwangsläufig zu einer Politik der Revanche. Da der Verlierer politisch vernichtet wird, ist das oberste Ziel der Opposition nicht konstruktive Kritik, sondern die totale Blockade und die Rache bei der nächsten Wahl. Was wir im Fall Renee Good sehen, ist das Endstadium dieses Denkens: Der politische Gegner wird nicht mehr als Konkurrent betrachtet, sondern als Feind, der besiegt werden muss.
Der alte Krieg auf neuen Karten
Man braucht kein Historiker zu sein, um das Muster zu erkennen. Legen Sie eine Wahlkarte von 2024 oder 2026 über eine Karte des Bürgerkriegs von 1861. Die Linien zwischen „Blue States“ und „Red States“ zeichnen erschreckend genau die Grenzen zwischen den alten Nordstaaten (Union) und den Südstaaten (Konföderation) nach.
Der Konflikt wurde nie wirklich gelöst, er wurde nur eingefroren und in ein Zwei-Parteien-Korsett gezwängt.
- Die Demokraten beherrschen die Küsten und die urbanen Zentren (das Erbe des Nordens).
- Die Republikaner dominieren den ländlichen Raum und den Süden (das Erbe der Konföderation).
In einem solchen aufgeladenen Zweiparteienstaat, der geografisch und kulturell so tief gespalten ist, wird es sehr schwer werden, wieder aufeinander zuzugehen. Aber ich komme dann noch einmal mit der Psychologie.
Wir sitzen in der Falle. Auf der einen Seite unser Gehirn, das den Schmerz der widersprüchlichen Information nicht erträgt und sich in eine angenehme Lüge flüchtet. Auf der anderen Seite ein politisches System, das einen zwingt, sich für eine Seite zu entscheiden, und das jeden Kompromiss als Verrat bestraft.
Renee Good ist zwischen diese beiden Mühlsteine geraten. Die psychologische Dissonanz hat die Menschen blind gemacht für die Fakten. Das politische System hat die Lager so weit auseinandergetrieben, dass sie sich nicht einmal mehr hören können.
Vielleicht ist es genau jetzt an der Zeit, sich daran zu erinnern, wie zerbrechlich unsere Rationalität wirklich ist. Sigmund Freud wusste, dass die Vernunft einen schweren Stand gegen unsere tiefsten Triebe und Ängste hat. Doch er gab die Hoffnung nicht auf, dass sie langfristig überleben kann, selbst wenn sie momentan übertönt wird.
Wie er einst über die Zähigkeit der Vernunft sinnierte:
„Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, gelingt es ihr doch.“
Blickt man heute nach Minneapolis und auf den Zustand der USA, muss man leider konstatieren: Wir befinden uns noch mitten in der Phase der Abweisungen.