
Ich gehöre zu einer Generation, die in einem einzigartig liberalen Zeitfenster der Geschichte aufwachsen durfte: der zweiten Generation nach Hitler, nach Auschwitz, nach dem totalen Krieg, der Europa in Trümmer gelegt hatte. Mein Großvater väterlicher Seite war überzeugter Nationalsozialist, beteiligt an der Zerstörung der Synagogen seiner Heimatstadt im Jahr 1938, und er zog überzeugt in den Krieg. Nach Kriegsende verbrachte er zehn Jahre als Kriegsgefangener in Frankreich wegen der Beteiligung an der sogenannten Reichskristallnacht und Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Seine Vergangenheit wurde Teil meiner eigenen Identitätssuche, einer Auseinandersetzung, die mein Leben stark prägte.
Als Jugendlicher stellte ich meinem Großvater eine simple Frage: „Warum habt ihr das alles gemacht?“ Ich erwartete eigentlich keine wirkliche Antwort. Doch er antwortete überraschend ehrlich: „Ich habe damals geglaubt, es war das Richtige, aber ich weiß heute, es war falsch.“ Diese Worte vergesse ich bis heute nicht. Sie zeigen, dass Menschen aus tiefer Überzeugung heraus fatale Entscheidungen treffen können, um erst spät zu begreifen, wie falsch sie lagen.
Meine Generation lernte in der Schule erschütternde Zahlen: 10 Millionen Tote im Ersten Weltkrieg, 60 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg – darunter 27 Millionen allein in der Sowjetunion, und die unfassbaren sechs Millionen Opfer des Holocaust. Diese Zahlen, diese unfassbaren Dimensionen menschlichen Leids, erzeugten tiefe Schuldgefühle und Unsicherheit. Bei meinem ersten Schüleraustausch nach England im Alter von 15 Jahren begleitete mich ein mulmiges Gefühl: Wie begegnen wir heute denen, die wir damals angegriffen hatten? Eine absurde Situation entstand, als britische Pfadfinder mich nach einem „Swastika“, einem Hakenkreuz, fragten. Ich verstand damals gerade erst die Tragweite dieses Symbols, und es war deutlich, welches Bild Deutschlands dort präsent war.
Deutschland hat nach dem Krieg sein Land erstaunlich schnell wiederaufgebaut, auch dank der westlichen Siegermächte, allen voran der USA. Doch neben diesem physischen Wiederaufbau stand die Herausforderung der Reflexion, des Aufarbeitens. Politiker wie Willy Brandt gingen diesen Weg, symbolisiert durch seinen Kniefall in Warschau. Doch diese Aufarbeitung blieb schwer und ambivalent. Ein ähnlicher Prozess vollzog sich in Japan – auch dort rang man um den richtigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit.
Die Hauptsiegermächte, USA und Sowjetunion, trugen maßgeblich zur Teilung Europas und Deutschlands bei. Dabei zeigten sie, dass sie die entscheidenden Lehren aus den Weltkriegen nicht gezogen hatten. Es herrschte eine Siegerkultur – „The winner takes it all“ –, in der sich beide Mächte immer wieder auf ihren Sieg im Zweiten Weltkrieg als zentrale Identitätsmarkierung bezogen. Diese Kultur der Siegermentalität verhinderte ernsthafte Selbstreflexion und führte langfristig zu neuen Konflikten, deren Konsequenzen wir heute in Krisen wie dem Ukraine-Konflikt erleben.
Für meine Generation war es lange plausibel, das „Schlechte“ als spezifisch deutsch wahrzunehmen. Doch an der Nahtstelle des Kalten Krieges wurde deutlich, dass diese einfache Wahrheit nicht ausreichend war. Während der Osten „Gerechtigkeit durch Kommunismus“ versprach, verband der Westen Freiheit mit Demokratie und Kapitalismus. In Westdeutschland wählte man jedoch einen besonderen Weg: die soziale Marktwirtschaft, die an Bismarcks sozialpolitische Tradition anknüpfte und eine kapitalistische Wirtschaft mit sozialer Verantwortung verband. Aus meiner Sicht ein äußerst gelungenes Zeichen trotz vieler Widersprüche in diesem Konstrukt.
Als ehemaliger Westdeutscher erschüttert mich heute besonders der Zeitenwandel, den ich in den USA beobachte. Trotz meiner ambivalenten Haltung gegenüber Amerika, bedingt durch den Vietnamkrieg und die Kriege im Irak, war es für mich immer ein Symbol für Freiheit, freies Rederecht und kulturelle Offenheit – Sex, Rock’n’Roll und die Idee, dass das Individuum zählt, auch wenn ich die extreme amerikanische Ablehnung staatlicher Verantwortung nie teilte. Dass ich nun aber in Echtzeit die gleichen Muster einer totalitären Machtübernahme erkennen kann, wie sie in Deutschland zwischen 1933 und 1938, insbesondere bis zum Ermächtigungsgesetz 1935, erfolgte, erschüttert mich zutiefst. Dass es in Echtzeit abläuft, hängt mit der Technik zusammen und ich würde ruhiger schlafen, ginge es “nur” um Trump. Die Komplizenschaft vieler im Silicon Valley treibt mich um. Denn, wie kam es zum Silicon Valley?
Das Silicon Valley entstand in den 1940er- und 1950er-Jahren rund um die Stanford University, die aktiv Industriekooperationen förderte. Ein zentraler Impuls kam vom Stanford-Professor Frederick Terman, der talentierte Studenten wie William Hewlett und David Packard ermutigte, eigene Unternehmen zu gründen. In der Frühphase spielte das US-Militär eine entscheidende Rolle, indem es massiv in Elektronik- und Radartechnologie investierte – etwa durch die Finanzierung von Forschung und die Vergabe von Rüstungsaufträgen im Kalten Krieg. Firmen wie Fairchild Semiconductor und später Intel profitierten von diesen Aufträgen und legten den Grundstein für die Halbleiterindustrie. So wurde das Silicon Valley zunächst nicht durch Konsumelektronik, sondern durch militärische und sicherheitstechnische Entwicklungen geprägt.
“Politik, Technologie und Militär“, als Deutscher, der zweiten Nachkriegsgeneration, kann ich dieser Kombination nichts Gutes abgewinnen.
Heute stehe ich vor der Erkenntnis, dass die Welt erneut in gefährlichen Mustern verhaftet ist, die aus unreflektierten Siegermentalitäten und fehlenden Lehren resultieren. Mein Blog ist ein Aufruf, Geschichte nicht nur zu erinnern, sondern ihre tiefsten Lektionen endlich ernsthaft zu verstehen – um nicht erneut den tragischen Fehler zu machen, erst im Rückblick zu erkennen, wie falsch wir lagen.
Danke für deine offenen und klaren Worte zu den Geschehnisse dieser Zeit. Ich bin mir nicht sicher, wie wir dagegen vor gehen können oder was der richtige Weg sein kann. Ich weiß lediglich, ein Weg wir in den 30er wäre fatal. Doch leider sind Profit und Macht der Antrieb für vieles, die Folgen für andere werden hier ignoriert, solange die eigen Sache vorangetrieben wird. Später wird man sagen “Tut mir leid, ich dachte ich tue was Gutes”.
LikeLiked by 1 person
Leider weiß ich auch keine richtige Antwort. Wir Europäer sollten uns vergewissern, dass wir durch Frieden zu Wohlstand gekommen sind und nicht durch Krieg. Ich bin auch bereit mit Waffen unsere Werte zu verteidigen aber wenn es uns Menschen zum Schluss nur um Macht und Geld geht dann soll der Klimawandel und die KI uns vernichten. Danke für ihren klaren Kommentar.
LikeLike
Nun ja, ich bin 1949 geboren. Habe also die ganzen Entwicklungen unserer hoffnungsvollen und optimistischen Zukunftsillusionen nicht nur beobachtet, sondern teilweise aktiv mitgemacht. Beispielsweise als Aktivist in der Westberliner Friedensbewegung. Nun muss ich erleben, dass die Friedensbewegung sogar von rechts vereinnahmt wird. Friedensfahnen auf den rechten Demos, die jeden Montag hier in Bautzen (wo ich inzwischen wohne) unter meinem Fenster vorbeitrampeln.
Aber trotzdem packt mich nicht die komplette Resignation. Wir versuchen durchaus was dagegen zu setzen. Unser Format heißt Happy Monday. Findet also auch an Montagen statt, damit weder Tag noch die Plätze den Rechten kampflos überlassen werden.
Sowas zu machen ist hier übrigens nicht ganz ungefährlich. Trotzdem hab ich keine Lust, im zarten Alter von 75 Jahren diesen Rutsch nach rechts einfach zu akzeptieren.
LikeLiked by 1 person