
Der Zweite Weltkrieg endet jetzt. Die transatlantischen Beziehungen stehen vor tiefgreifenden Veränderungen.
Meine Mutter erzählte mir oft von den Tagen nach dem Krieg. Sie war noch ein kleines Kind, als sie aus den Trümmern lief, den amerikanischen Soldaten entgegen, mit einer Mischung aus kindlicher Unschuld und Hoffnung in der Stimme: “Give me some chocolate, please.” Diese Szene hat sich tief in mein Familiengedächtnis eingebrannt, ein Symbol der Nachkriegszeit, der Befreiung, aber auch einer neuen Zeitrechnung.
Amerika war für meine Familie mehr als eine ferne Nation. Es war ein Versprechen, ein Lebensgefühl, ein prägender Teil unserer Kultur. Meine Mutter sah Elvis Presley live in Deutschland, und als er starb, weinte sie, als hätte sie einen alten Freund verloren. Mein Vater schwärmte von Red Adair, dem legendären Feuerwehrmann, der jedes brennende Ölfeld unter Kontrolle bekam. Und für mich? Amerika war Schweinchen Dick und Speedy Gonzales, der rosarote Panther und Raumschiff Enterprise. Ich bin nie in den USA gewesen, aber das war nicht nötig. Amerika war immer da, in unseren Wohnzimmern, in unseren Sehnsüchten, in unserer Vorstellungswelt.
Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Mein Geschichtslehrer, ein altlinker Vertreter der 68er-Generation, war es, der mir die Schattenseiten Amerikas näherbrachte. Die dunklen Kapitel der Weltpolitik, die Kriege, die wirtschaftliche Dominanz, die gesellschaftlichen Konflikte. Und so wuchs ich mit einem ambivalenten Bild auf: Fasziniert von der popkulturellen Strahlkraft, aber kritisch gegenüber der politischen Macht.
Heute stehen die transatlantischen Beziehungen vor einem Wendepunkt. Die Welt ist nicht mehr dieselbe, in der meine Mutter nach Schokolade bat oder mein Vater Red Adair bewunderte. Das Fernsehen hat seine Allmacht verloren, das Internet hat die Kluft zwischen Faszination und Skepsis weiter vertieft. Doch dieser Wandel ist nicht nur ein Verlust, sondern auch eine Chance.
Die Herausforderungen unserer Zeit sind gewaltig, aber Europa kann gestärkt daraus hervorgehen. Jetzt ist die Zeit, alte Denkmuster abzulegen und mutig nach vorn zu blicken. Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaanpassung sind kein Luxus, sondern essenziell für eine lebenswerte Zukunft. Deutschland kann sich keine ineffiziente Kleinstaaterei mehr leisten – vier starke Bundesländer, zwei im Norden und zwei im Süden, könnten Verwaltung und Entscheidungsprozesse erheblich straffen. Ebenso muss das Einstimmigkeitsprinzip im Europäischen Rat fallen, um schneller und entschlossener handeln zu können.
Deutschland und Europa können eine neue, selbstbewusste Rolle in der Welt einnehmen – eine, die sich nicht durch Abgrenzung, sondern durch Innovation und Zusammenarbeit definiert. Die Vergangenheit hat uns geprägt, aber die Zukunft liegt in unseren Händen. Wenn wir uns der Realität stellen und sie aktiv gestalten, können wir ein Europa schaffen, das stark, geeint und zukunftsfähig ist. Es ist eine Zeitenwende. Ein Neuanfang. Und vielleicht die größte Chance unserer Generation. Packen wir es an.