Dass in Zeiten des Klimawandels das Anormale, das Normale ist, das ist eigentlich keine Besonderheit. Aber sehr deutlich kann man das derzeit an den Meerestemperaturen im Nordatlantik und den Lufttemperatursprüngen in der Antarktis beobachten.
Die obige Aufnahme zeigt den Nordatlantik zwischen der amerikanischen Nordostküste und Süd Neufundland und Europa (Spanien/Frankreich) bzw. Nordafrika. Am oberen mittleren rechten Rand sieht man die Südspitze Grönlands.
Seit 2010 bzw. 2014 beobachtet man südlich der Südspitze Grönlands zwei entgegengesetzte Temperaturzonen.
Zum einen gibt es eine Kälteanomalie im Nordatlantik, die sich südlich von Grönland und Island sowie westlich der Britischen Inseln befindet. Dieses Gebiet zeichnet sich durch ungewöhnlich kalte Oberflächentemperaturen des Meeres aus, die sich stark von der allgemeinen Erwärmung der Weltmeere abheben. Es variiert in seiner Ausdehnung, erstreckt sich aber oft von der südlichen Spitze Grönlands bis in die Nähe von Island und erreicht die westlichen Teile der Britischen Inseln. Es kann bis zu Hunderttausende von Quadratkilometern umfassen

Der deutsche Ozeanograf und Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat diesem Gebiet den Namen “Cold Blob” gegeben. Gleichzeitig bildete sich südwestlich von Grönland an der Nordostküste Amerikas und westlich von Südneufundland eine Temperaturzone mit starker positiver Temperaturanomalie, derzeit mit einer Temperaturanomalie von +5 Grad:

Die Erwärmung der Meeresoberflächentemperaturen entlang der Nordostküste Amerikas und vor der Südküste Neufundlands, die zeitgleich mit der Entstehung des sogenannten ‘Cold Blob’ im Nordatlantik auftrat, wurde erstmals in den 2010er Jahren verstärkt wahrgenommen. Diese Phänomene wurden im Zusammenhang mit Studien zur Abschwächung der Atlantischen Meridionalen Umwälzströmung (AMOC) intensiv untersucht.
Der „Cold Blob“ wird als Folge einer schwächeren Nordatlantischen Tiefenwasserbildung gesehen, was dazu führt, dass weniger kaltes Wasser in die Tiefe sinkt und mehr Wärme im Süden bleibt. Gleichzeitig führt dies dazu, dass die Küstengewässer entlang Nordamerikas stärker erwärmt werden, da das warme Oberflächenwasser nicht wie üblich in den Norden transportiert wird, sondern sich entlang der Küste ansammelt.
Der Prozess lässt sich folgendermaßen erklären:
- Gletscherschmelze und Süßwasserzufuhr: Durch die globale Erwärmung schmelzen die Gletscher in Grönland schneller, was zu einer erhöhten Menge an Süßwasser führt, das in den Nordatlantik gelangt. Süßwasser hat eine geringere Dichte als salzhaltiges Meerwasser.
- Reduzierte Dichte und Tiefenwasserbildung: Dieses Süßwasser verringert die Dichte des Oberflächenwassers im Nordatlantik, was die Tiefenwasserbildung behindert. Normalerweise sinkt kaltes, salzhaltiges Wasser im Nordatlantik in die Tiefe und treibt damit einen wesentlichen Teil der AMOC an.
- Schwächung der AMOC: Wenn weniger kaltes, dichtes Wasser in die Tiefe sinkt, wird die gesamte Zirkulation der AMOC geschwächt. Weniger kaltes Tiefenwasser, das nach Süden transportiert wird, bedeutet auch, dass weniger warmes Wasser aus den Tropen nach Norden gezogen wird.
- Wärmeres Wasser entlang der nordamerikanischen Küste: Da das warme Wasser aus den Tropen nicht wie gewohnt nach Norden transportiert wird, sammelt es sich an der Nordostküste Nordamerikas und vor Neufundland. Dadurch entstehen dort ungewöhnlich hohe Oberflächentemperaturen.
Der Schmelzwasserzufluss von Grönland in den Atlantik hat seit 1990 signifikant zugenommen, und dieser Anstieg lässt sich in verschiedenen Studien quantifizieren.
Anstieg des Schmelzwasserzuflusses:
- 1990er Jahre: In den frühen 1990er Jahren lag der Schmelzwasserzufluss von Grönland bei etwa 50-100 Gigatonnen (Gt) pro Jahr. Eine Gigatonne entspricht 1 Milliarde Tonnen Wasser.
- 2000er Jahre: In den 2000er Jahren stieg dieser Wert auf etwa 200-300 Gt pro Jahr, was eine Verdopplung oder Verdreifachung im Vergleich zu den 1990er Jahren bedeutet.
- 2010er Jahre bis 2020: In den letzten Jahren hat der Schmelzwasserzufluss weiterhin zugenommen, wobei einige der höchsten jährlichen Schmelzraten über 400 Gt pro Jahr lagen, insbesondere in besonders warmen Sommern. Ein besonders extremes Jahr war 2019, als Grönland etwa 532 Gt Eis verlor.
Prozentuale Zunahme:
Im Vergleich zu den frühen 1990er Jahren hat sich der Schmelzwasserzufluss von Grönland bis in die 2010er Jahre etwa vervierfacht. Der Schmelzwasserzufluss hat in einigen Jahren sogar mehr als das Vierfache der Werte von 1990 erreicht, was die dramatische Beschleunigung der Eisschmelze verdeutlicht.
Gesamtverlust an Eis:
Zwischen 1992 und 2020 hat Grönland insgesamt etwa 4.000 Gigatonnen Eis verloren. Dieser Verlust trägt signifikant zum Anstieg des globalen Meeresspiegels bei, wobei der Beitrag Grönlands zum Meeresspiegelanstieg mittlerweile etwa 1 Millimeter pro Jahr beträgt.
Diese Zahlen belegen deutlich, dass die Menschheit ein deutliches Problem mit dem Abtauen Grönlands hat. Nur ein Abbremsen des globalen Temperaturanstiegs kann zumindest Zeit geben, um Schutzmaßnahmen für die Küsten besser vorzubereiten. Dass der Abschmelzvorgang noch aufzuhalten ist, bezweifle ich zumindest. Was passiert, wenn der AMOC als Wärme/Kälte Transportband ausfällt, kann hier nachgelesen werden:
Auch die Antarktis zeigt im August 2024 besorgniserregende Daten:

Am 5. August 2024 zeigte das Thermometer am Südpol -25,98 Grad, was natürlich immer noch kalt ist, aber nicht für den Südpol, der zu dieser Zeit schon länger in totaler Finsternis weilt. Kein einziger Sonnenstrahl erreicht ihn um diese Zeit.
Klimaforscher haben in den letzten Jahren zunehmend Hinweise darauf gefunden, dass die Westantarktis durch den menschengemachten Klimawandel destabilisiert wird. Die Westantarktis ist besonders anfällig für Erwärmung, da ihre Eismassen teilweise auf unter dem Meeresspiegel liegendem Land ruhen, was sie empfindlicher gegenüber Ozeanerwärmung macht.
Ein wesentlicher Grund zur Besorgnis ist der Rückgang des Westantarktischen Eisschildes, insbesondere im Bereich des Thwaites-Gletschers, der oft als “Doomsday Glacier” bezeichnet wird. Diese Region verliert seit Jahrzehnten Eis und trägt somit direkt zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. Wissenschaftler beobachten, dass sich dieser Prozess beschleunigen könnte, wenn die Erwärmung weiter voranschreitet.
Die Destabilisierung könnte potenziell katastrophale Auswirkungen haben, da ein Kollaps dieses Eisschildes den Meeresspiegel weltweit um mehrere Meter anheben könnte. Zwar sind die Zeithorizonte für solch dramatische Ereignisse noch ungewiss und könnten Jahrzehnte bis Jahrhunderte in Anspruch nehmen, aber der Prozess hat begonnen, und die Besorgnis der Wissenschaftler ist entsprechend groß.
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