In meinem Blog “Der Faktor Mensch” habe ich darauf hingewiesen, dass möglicherweise bereits ein Kippen des Klimas zu beobachten ist. Besonders auffällig ist die sprunghafte Erhöhung der Oberflächentemperatur der Ozeane:

(https://climatereanalyzer.org/clim/sst_daily/)
Die Universität Maine (USA) visualisiert Meeresdaten, die von der amerikanischen Ozeanografiebehörde NOAA zur Verfügung gestellt werden. Die zweite gestrichelte Linie von unten zeigt die mittlere Meeresoberflächentemperatur von 60° Süd bis 60° Nord, bezogen auf die Referenzperiode 1982–2011. Im Jahr 2023 (ein El Niño-Jahr – orange Linie) stieg die Meeresoberflächentemperatur sprunghaft über die 2-Sigma-Grenze des langjährigen Mittels der Referenzperiode. In der Messtechnik bedeutet eine derartig große Abweichung, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Veränderung zufällig ist, unter 5 % liegt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % hat eine kausale Veränderung diese Abweichung verursacht. Was könnten solche Ursachen sein? Einerseits wird El Niño angeführt, andererseits auch die sauberere Luft aufgrund verschärfter Umweltnormen, die zu weniger Aerosolen führt – was zwar gut ist –, aber Aerosole haben eine kühlende Wirkung.
Im folgenden Interview:
erklärt Dr. Stephanie Rowe, die Global Climate and Energy Lead Scientist des WWF, dass die extremen Hitzerekorde, die weltweit aufgestellt werden, und ihre Auswirkungen auf unser Verständnis des Klimawandels, Anlass zur Sorge geben. Dr. Rowe betont, dass diese Hitzewellen zwar den Vorhersagen des Klimawandels entsprechen, das Ausmaß und die Intensität der Erwärmung jedoch die Erwartungen übertroffen haben, insbesondere bei den Temperaturen an Land und im Ozean. Diese beispiellose Erwärmung hat Bedenken ausgelöst, dass sich das Klimasystem schneller verändern könnte, als die Modelle vorhergesagt haben.
Ein entscheidender Punkt für die Bewertung der oben genannten Temperaturanomalie könnte sich bereits Ende August 2024 abzeichnen, wenn der erwartete Übergang von El Niño- zu La Niña-Bedingungen stattfinden sollte, die typischerweise die globalen Temperaturen kühlen.
Dr. Rowe verweist auf einen Artikel von Gavin Schmidt, dem Direktor des NASA Goddard-Instituts, der besagt, dass, wenn sich die Temperaturanomalien bis Ende August trotz des erwarteten Kühlungseinflusses von La Niña nicht stabilisieren, dies darauf hindeuten könnte, dass sich das Klimasystem schneller verändert hat als angenommen. Dies würde darauf hinweisen, dass unser derzeitiges Verständnis und die Klimamodelle die Geschwindigkeit und Schwere des Klimawandels unterschätzen, was uns in „unbekanntes Gebiet“ führen würde, in dem das Klimasystem, wie wir es kennen, viel früher als erwartet grundlegend verändert werden könnte. Diese Möglichkeit unterstreicht die dringende Notwendigkeit für entschlossenere Klimaschutzmaßnahmen.
Die Hoffnung ist, dass sich mit dem Einsetzen der La Niña-Phase im Pazifik die Oberflächentemperatur der Meere bis Ende August in diese Richtung bewegt.

Sollte sich die Meeresoberflächentemperatur jedoch weiterhin auf dem Niveau der orangen Linie von 2023 entwickeln, hätten wir ein ernstes Problem.
Warum würde eine fehlende Abkühlung im August auf einen verstärkten, schnelleren Klimawandel hindeuten?
Wenn bis Ende August kein signifikantes Abkühlungssignal beobachtet wird, könnte dies darauf hindeuten, dass der typische Austausch zwischen den wärmeren oberen Ozeanschichten und den kühleren tieferen Schichten gestört ist. Dieses Phänomen könnte mit einer zunehmenden Schichtung des Ozeans in Verbindung stehen, bei der sich ein stärker ausgeprägter Temperaturunterschied zwischen der Oberfläche und den tieferen Wasserschichten entwickelt.
Diese verstärkte Schichtung ist ein Symptom des Klimawandels. Mit steigenden globalen Temperaturen erwärmen sich die Oberflächengewässer des Ozeans schneller als die tieferen Schichten. Wärmeres Wasser ist weniger dicht und bleibt daher an der Oberfläche, was die Durchmischung mit kälterem, tieferem Wasser verringert. Diese reduzierte Durchmischung kann mehrere Konsequenzen haben:
- Erhöhte Oberflächentemperaturen: Der Mangel an Durchmischung führt dazu, dass die Wärme in den oberen Schichten des Ozeans eingeschlossen bleibt, was zu höheren Oberflächentemperaturen führt.
- Gestörte Meeresströmungen: Meeresströmungen, die auf Temperaturgradienten angewiesen sind, könnten verändert werden, was globale Klimamuster beeinflussen könnte.
- Weniger Nährstoffauftrieb: Die tieferen Wasserschichten bringen normalerweise Nährstoffe nach oben, die das Meeresleben unterstützen. Eine reduzierte Durchmischung kann zu einem Rückgang dieser Nährstoffe führen, was die marinen Ökosysteme beeinträchtigt.
- Sauerstoffgehalt im Ozean: Ein stärker geschichteter Ozean kann zu einem verringerten Sauerstoffgehalt in den tieferen Wasserschichten führen, da es weniger Zirkulation gibt, um Sauerstoff von der Oberfläche nach unten zu bringen.
Es wäre also sehr wünschenswert, wenn wir eine deutliche Temperaturabnahme der globalen Meeresoberfläche bis Ende August und in den folgenden Monaten beobachten könnten.
Wenn diese Abkühlung nicht eintritt, wird es immer schwieriger, die zukünftige Klimaentwicklung zu beurteilen und die Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen einzuschätzen.
Das Problem ist allerdings nicht, dass die Klimamodelle neu justiert werden müssen, sondern dass die Menschheit viel schneller Klima- und Wetterphänomene erleben könnte, wie sie in den letzten 12.000 Jahren nie vorgekommen sind.
Hoffen wir also das Beste und tun das Richtige.
Hier noch der Link zum oben erwähnten Artikel von Galvin Schmidt in Nature https://www.nature.com/articles/d41586-024-00816-z