Historische und narrative Wahrheit

Der Ukrainekrieg, wie leider jeder Krieg, ist wieder ein Paradebeispiel, wie vollkommen konträre Geschichten und Erklärungen auf engstem Raum mit aller Brutalität zusammenprallen, sodass man meinen könnte, dass beide Seiten inklusive der mittelbar Beteiligten auf unterschiedlichen Planeten lebten. Es gibt sicherlich sehr viele Erklärungen dafür. Für mich ist die überzeugendste dafür: unser Gehirn.

Viele Ergebnisse neurologischer Natur der letzten drei Jahrzehnte weisen darauf hin, dass unsere Erinnerungen auch an sehr wichtige persönliche Ereignisse einer ständigen Mutation unterliegen, vergleichbar mit einem Zimmer, das man ständig umräumt, um “Ordnung” zu schaffen. Ferner können wir eine sogenannte “faktische” Wahrheit von einer eingebildeten Wahrheit nicht unterscheiden, weil in beiden Fällen die gleichen sensorischen Areale, emotionalen (limbischen) Regionen und die exekutiven Bereiche (Frontallappen) angesprochen werden. Insbesondere werden sie in der gleichen Art und Weise angesprochen. Ich zitiere aus dem Buch des verstorbenen Neurologen und Psychiaters Oliver Sachs: Der Strom des Bewusstseins.

“Es gibt offenbar keinen Mechanismus im Verstand oder im Gehirn, der die Echtheit, oder zumindest die wahrheitsgemäßen Eigenschaften, unserer Erinnerungen gewährleisten kann. Wir haben keinen direkten Zugang zur historischen Wahrheit, und was wir als wahr empfinden und geltend machen, hängt (…) im gleichen Maße von unserer Fantasie wie von unseren Sinnen ab. Es gibt keine Möglichkeit, die Geschehnisse dieser Welt direkt in unser Gehirn zu übertragen oder einzuspeichern; Sie werden auf höchst subjektive Weise erfahren und konstruiert, was bei jedem Menschen auf unterschiedliche Weise geschieht. Beim Erinnern werden sie dann noch einmal auf ganz eigene Art interpretiert und erlebt. Unsere einzige Wahrheit ist die narrative Wahrheit, die Geschichten, die wir einander und uns selbst erzählen.”

Und hier muss ich genau meinem ersten Blog: “Wir sind halt auch Computer” widersprechen. Unser Speicher im Gehirn entspricht eben nicht einer Festplatte. Ein Computer kann mit Hilfe quantenmechanischer Regeln präzise und unverrückbar Bits auf einem Solid-State- Drive speichern (https://youtu.be/5Mh3o886qpg). Er kann dann mit einer erschreckenden Präzession diese immer wieder bis in das allerkleinste Detail abrufen. Für uns jedoch gilt (ich zitiere wieder Oliver Sachs): …die Geschichten, die wir beständig neu kategorisieren und verbessern, sind diese Subjektivität, die untrennbar mit dem Wesen des Gedächtnisses verknüpft ist und ergibt sich aus den materiellen Voraussetzungen und Mechanismen, die ihm unser Gehirn liefert. Es ist erstaunlich, dass schwerwiegende Abweichungen so selten sind und dass unser Gedächtnis im Großen und Ganzen so solide und verlässlich ist.

Der Krieg, das steht für mich außer Frage, ist allerdings so eine schwerwiegende Abweichung, wobei dabei fatalerweise es nicht um die Abweichung zwischen narrativer und historischer Wahrheit nur eines Gehirns geht.

Die gute Nachricht jedoch ist, gerade weil unser Gedächtnis nicht wie eine Festplatte funktioniert, ist uns ein nahezu unerschöpfliches Potenzial an Kreativität gegeben. Mag es für alle gestrigen und zukünftigen Kriegsopfer wie blanker Hohn wirken, diese Kreativität ist die einzige Hoffnung, dass Frieden keine Utopie bleibt.

2 thoughts on “Historische und narrative Wahrheit

Leave a comment