Viele erinnern sich, wobei wir schon beim Thema sind, noch an die Entscheidung von deutschen und europäischen Richtern, dass man auch im Zeitalter von Suchmaschinen, ein Recht darauf hat, dass ein Geschehnis, was mit einem verbunden ist, gelöscht werden kann. So ein Recht ist für eine informationshungrige Gesellschaft, wie sie durch das Internet in nie gewesener Form zuvor möglich ist, eine sehr besonderes Recht. Auch ohne Details dieser Rechtssprechung zu kennen, dieses Recht durchzusetzen ist höchst wahrscheinlich sehr schwierig.
Dabei ist das Vergessen eine lebenswichtige Funktionalität unseres Gehirns. Der Schlaf ist dabei der Meister beim Entrümpeln des Speichers. Sorgfältig und intensiv reogarnisiert er den Speicherinhalt und man darf davon ausgehen, dass nach einem besonders erholsamen Schlaf auch gegügend Information beim Aufgewachten “entsorgt” wurde. Man sollte allerdings nicht denken, dass diese Information vollkommen gelöscht wurde, eher wurde sie maskiert bzw. ihr Status (relevant nicht relevant) wurde verändert. IT Menschen würden davon sprechen, dass die Daten von der “Hot”-Datenbank auf die “Cold” Datenbank transferriert werden.
Warum ist das so? Nun auf uns treffen eine unzählige Menge von Information zu, auch wenn wir schlafen. Vergessen bzw. maskieren von Erinnerungen ist notwendig, um die Spreu vom Weizen zu trennen, um zu erkennen, was wichtig ist oder einfach in die Spam Ablage “geroutet” werden kann bis es ganz “scheinbar” untergeht. Das Vergessen hilft uns also eine innere Struktur bzw. Ordnung aufzubauen, ohne die wir kaum leben könnten. Interessanterweise funktioniert diese Fähigkeit systembedingt unbewusst ohne konkrete Maßnahmen des Menschen. Bekanntlich würde ein Stimulus: “Ich will das jetzt vergessen!” genau zum Gegenteil führen. Wohl dem, der also über einen gesunden Schlaf verfügt und vergessen kann.
Aber in der Evolution gibt es nichts, was es noch nicht gibt, so scheint es zumindest. Denn es gibt leider sehr bedauernswerte Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht vergessen können. Sie können sich noch über viele Jahrzehnte an jeden Tag und Stunde erinnern und leiden darunter sehr, da auch die sehr unangenehmen Erlebnisse für sie so präsent sind, als wären sie gestern geschehen. Es sind nur wenige Menschen von dieser “Fähigkeit” betroffen aber die Wissenschaft hat in den letzten Jahren (Bereich Genetik und Neurobiologie/informatik) große Fortschritte gemacht, zu erklären, warum diese Menschen diese “Gabe” haben. In einem Forschungsprojekt wurden dazu 60 Patienten ausgewählt, die nach vielen Voranalysen zu jener Gruppe, der nicht Vergessenden gehören. Ihre Gene wurden nach allen Regeln der Kunst analysiert und tatsächlich fand man bei diesen 60 Patienten eine Gensequenz, die bei keiner Kontrollgruppe sonst gefunden wurde (das künstliche Intelligenz bei dieser Suche sehr hilfreich war, sei nebenbei erwähnt).
Warum interessiert sich die Forschung aber für so einen Bereich, wenn glücklicherweise nur sehr wenige Menschen davon betroffen sind?
Es gibt nun seit längerem eine Entwicklung in die ganz andere Richtung. Wir werden immer älter und das Alter macht auch vor unserem Gehirn nicht halt. Die Rede ist von Demenz. Bei diesem Begriff kann man einmal lernen, wie ein lateinischer, “technischer Begriff” die Komplexität des Problems zusammenfasst. Der Begriff Demenz besteht im Kern aus den lateinischen Worten “de mens”, wörtlich übersetzt: “ohne Geist”. Demenz ist also die Krankheit: “ohne Geist”! Was das bedeutet lernte ich als Altenpfleger.
Als Hauptgrund für das Auftreten dieser Krankheit wird das Alter erwähnt, doch ist diese Angabe recht relativ. Als ich als Altenpfleger arbeitete, gab es eine Heimbewohnerin, die schon mit 52 Jahren sehr dement war. Mich schockierte als junger Mann ihr Zustand, da man mir auch zuvor sagte, dass sie mal eine Mathemathik Lehrerin gewesen war. Ich kaufte deswegen eine Art Domino Spiel für Kinder für sie, mit dem man Zahlen zusammenstellt. Sie konnte leider kaum noch sprechen, sie lief den ganzen Tag hin und her mal lachend, dann wieder schluchzend und weinend. Was in ihr vorging, man konnte es von außen nicht mehr richtig feststellen. War sie jetzt dieser Mensch “ohne Geist”, dessen Körper agiert und funktioniert aber letzlich ohne geistige Kontrolle? Als junger Mensch wollte ich das nicht akzeptieren und fing mit ihr an, das Zahlenspiel zu spielen. Sie wollte nicht mitmachen und ließ mich alle Steine legen. So ging es Wochen lang, ohne dass ich von ihr irgendeine Reaktion feststellen konnte. Sie beobachte zwar, wie ich die Zahlen legte und auf sie einredete, ob sie aber irgendwie das registrierte, was ich mit den Zahlen machte, blieb für mich unergründlich. Dann kam der Tag, der mir sagte, dass es sie noch gab. Ich kam in ihr Zimmer und üblicherweise schaute sie aus dem Fenster und brummte vor sich hin. Manchmal schaute sie einem auch gar nicht an, selbst wenn man sie gezielt ansprach und versuchte ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber an diesem Tag war alles anders. Sie saß an ihrem Esstisch und spielte mit den Steinen. Sie lachte als sie mich sah und zeigte mir, dass ich mich auch setzen sollte. Und dann spielten wir, nicht nach den Regeln sondern unser eigenes Spiel. Ich legte zwei Steine auf den Tisch, sie legte zwei Steine auf den Tisch, ich nahm drei Steine weg, sie nahm drei Steine weg. Ich stand auf, sie stand auf, ich drehte mich um, sie drehte sich um. Sie kopierte Haar genau jede Regung von mir und wir lachten unglaublich viel dabei. Diese Erlebnis habe ich sehr tief in mir unter dem Stichwort Hoffnung abgespeichert.
Aber Demenz muss lang nicht so gravierend auftreten als dass es einen Effekt hätte. Demenz greift den Speicher an, es werden dann eben zuviele Sachen vergessen, die für die innere Ordnung entscheident sein können. Schlüssel, Portmonaie und Brille das geht schon mal verloren und wenn es dauernd passiert dann kann das einen schon sehr durcheinander machen. Aber auch hierfür hat das Gehirn des Betroffenen eine Lösung: Die Sachen wurden gestohlen. Mit meinen damals langen Haaren und Rauschebart war ich der perfekte Räuber. So kamen die Patienten öfter vorsichtig auf mich zu und pflüsterten: “Werden Sie so schlecht bezahlt, dass sie stehlen müssen?” Ich nickte und antwortete: “Ja es ist ein Hungerlohn.” Die meisten Patienten lächelten und damit war die Welt wieder in Ordnung.
Anbei ein paar sehr interessante Videos zum Thema Gehirn und das Altern, wobei ein Video über die sogenannte Neuroplastizität geht mit der Kernaussage: “Wir lernen bis zum letzen Atemzug, auch wenn manchmal etwas verloren geht.”